22.03.2020

Zugstolz in Deutschland: Reisementalität der Zukunft?

In Schweden hat die Entwicklung des Flugschams eine neue Reisementalität ausgelöst: Zugstolz. Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst für den Zug. Die Nachfrage für die Nachtzugstrecke von Malmö nach Stockholm ist im vergangenen Jahr um 100 % gestiegen. Zahlreiche Posts in den sozialen Medien werden mit #tagskryt betitelt. Als Reaktion auf diesen Trend, hat die schwedische Regierung kürzlich € 5Mio. in den Ausbau von Nachtzugstrecken investiert.

Auch in Deutschland steigt das ökologische Bewusstsein. Und obwohl viele Deutsche Flugscham verspüren und nachhaltiger leben wollen, wird beim Reisen eine Ausnahme gemacht. Die Passagierzahlen im Flugverkehr steigen und auch der Kreuzfahrttourismus erfreut sich wachsender Beliebtheit. Doch ein Teil der Bevölkerung scheint sich zunehmend auf den Zugvekehr zu konzentrieren, um insbesondere im Inland sein Ziel zu erreichen.

Das Bundesamt für Statistik berichtet, dass die Anzahl der Reisenden im innerdeutschen Bahnfernverkehr zwischen 2015 und 2018 um knapp 14 % gestiegen ist, von 117 Millionen auf 133 Millionen. Ein Teil davon spiegelt sich vor allem in den Fernverkehrszahlen der Deutschen Bahn. Im Halbjahresbericht 2019 wies das Unternehmen ein erneutes Wachstum der Passagierzahlen von 1,3 % im gesamten Fernverkehr nach. Somit ist die Anzahl der Fernverkehrsfahrgäste im Halbjahresvergleich zum fünften Mal in Folge gestiegen. Auch für 2020 gab es schon den ersten Anstieg der Fahrgastzahlen. Mit der Senkung der Mehrwertsteuer auf Fernverkehr-Tickets zum Jahresbeginn, ist die Zahl der Zugreisenden im Januar 2020, im Vergleich zum Vorjahr, um 1,1 Millionen Reisende gestiegen. Dies entspricht einem Wachstum von 10,7 %. Hinzu kommt, dass die Fahrgastzahlen von Konkurrenzunternehmen wie Flixtrain ebenfalls ansteigen.

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Bild: Pexels

Allgemein kann also eine steigende Nachfrage für Fernverkehrsstrecken nachgewiesen werden. Allerdings sind trotz der positiven Entwicklung im Bahnverkehr, das Flugzeug und das Auto bei den meisten Urlaubsreisenden die beliebteren Verkehrsmittel. Zugreisende schätzen niedrige Preise, direkte Verbindungen, Pünktlichkeit und eine kurze Reisedauer.

Trotz des wachsenden ökologischen Bewusstseins scheint der Zugstolz in Deutschland noch kein fester Bestandteil der deutschen Reisementalität zu sein. Es bleibt abzuwarten, ob die Senkung der Mehrwertsteuer auf Fernverkehr-Tickets auch einen langfristigen Effekt auf die Verkehrsmittelwahl der Reisenden hat.

Das Phänomen „Revenge Travel“ kann aus psychologischer Sicht als sogenannter Reaktanzeffekt identifiziert werden. Unter Reaktanz versteht man den starken Wunsch zur Wiederherstellung von zuvor eingeengten oder eliminierten Freiheitsspielräumen. Ein Reaktanzeffekt beschreibt das daraus resultierende Verhalten zur Wiederherstellung des Freiheitsspielraums (Theorie psychologischer Reaktanz, Veröffentlichung im Springer Verlag 2010, Raab, Unger und Unger).
Der Freiheitsspielraum für (Freizeit-)Reisen wurde durch die Corona-Maßnahmen weltweit stark eingeschränkt und zeitweise vollständig aufgehoben. Eine verstärkte Reiselust wäre in diesem Kontext ein Anzeichen für Reaktanz und das hieraus folgende Verhalten manifestiert sich in stark erhöhten Buchungszahlen.
Nun stellt sich die Frage, ob es die Anzeichen für diese impulsive Reaktion beim Buchungsverhalten im Sinne des „Revenge Travel“ auch in Deutschland gibt.
Erste Anzeichen für Reaktanz können aus aktuellen Untersuchungen abgeleitet werden, denn die Reiselust der Deutschen ist nach wie vor ungebrochen. Zu dieser Erkenntnis kommen u. a. die ADAC - Tourismusstudie, die FUR-Reiseanalyse, Studien von hometogo und Statista. Laut Reisepuls Deutschland 2021 (erhoben Dezember 2020) verspüren 37 Prozent der Befragten eine sehr große Reiselust. Das entspricht einem Plus von acht Prozentpunkten gegenüber Mai 2020. Fünfzehn Prozent der Befragten gaben an, schon nach den ersten Lockerungen, in einer Phase mit noch (deutlichen) Einschränkungen wieder reisen zu wollen. Bei der Frage nach dem Zeitraum der nächsten geplanten Reise sticht der Sommer 2021 mit 40 Prozent deutlich hervor (Reisepuls 2021, destinet).
Einzelne Entwicklungen in Deutschland erinnern tatsächlich bereits an das aus England berichtete Phänomen: Als Anfang Januar 2021 der Wintersportort Winterberg sowie Teile des Harzes von Besuchern überlaufen wurden, mussten die Behörden schnell reagieren. Viele Menschen suchten den Ausgleich zum andauernden Lockdown auf den verschneiten Skipisten. Dies hatte Sperrungen der Gebiete, insbesondere von Straßen, Parkplätzen und Pisten, zur Folge (rnd).
Auch international gab es, u. a. nach der Mitteilung des Auswärtigen Amtes am 12.03.2021, die Reisewarnungen für die Balearen Insel Mallorca aufzuheben, sprunghafte Anstiege der Buchungen. Der Reiseveranstalter TUI verzeichnete eine Verdopplung der Buchungen verglichen mit demselben Zeitraum im Jahr 2019, also noch vor der Corona-Pandemie. Auch die Airline Eurowings berichtete von einem massiven Anstieg von Buchungen und legte als Konsequenz zusätzliche 300 Flüge zu Ostern auf (tageskarte.io, tagesschau).
Erste Beispiele für das Phänomen „Revenge Travel“ konnten also auch in Deutschland beobachtet werden. Es bleibt abzuwarten, ob es sich nur um eine kurzfristige Entwicklung gehandelt hat oder ob sich dieses Phänomen in den nächsten Wochen und Monaten ausgeprägt und verbreitet zeigen wird.

 

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