24.02.2020

Zugstolz in Deutschland: Reisementalität der Zukunft?

In Schweden hat die Entwicklung des Flugschams eine neue Reisementalität ausgelöst: Zugstolz. Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst für den Zug. Die Nachfrage für die Nachtzugstrecke von Malmö nach Stockholm ist im vergangenen Jahr um 100 % gestiegen. Zahlreiche Posts in den sozialen Medien werden mit #tagskryt betitelt. Als Reaktion auf diesen Trend, hat die schwedische Regierung kürzlich € 5Mio. in den Ausbau von Nachtzugstrecken investiert.

Auch in Deutschland steigt das ökologische Bewusstsein. Und obwohl viele Deutsche Flugscham verspüren und nachhaltiger leben wollen, wird beim Reisen eine Ausnahme gemacht. Das eigene Auto ist nach wie vor eine viel genutzte Verkehrsmitteloption, die Passagierzahlen im Flugverkehr sind im vergangenen Jahr wieder gestiegen und auch der Kreuzfahrttourismus erfreut sich wachsender Beliebtheit in allen Altersklassen. Aber was ist mit dem Bahnverkehr?

Das Bundesamt für Statistik berichtete kürzlich, dass die Anzahl der Reisenden im innerdeutschen Bahnfernverkehr zwischen 2015 und 2018 um knapp 14 % gestiegen ist, von 117 Millionen auf 133 Millionen. Vergleicht man die Personenkilometer für das Jahr 2018, stellt man fest, dass mit der Bahn daher knapp doppelt so viele Personenkilometer im innerdeutschen Fernverkehr zurückgelegt wurden wie mit Inlandsflügen und dem Busfernverkehr zusammen.

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Bild: Pexels 

Die Deutsche Bahn wies im Halbjahresbericht 2019 ein Wachstum der Passagierzahlen von 1,3 % im gesamten Fernverkehr nach. Somit ist die Anzahl der Fernverkehrsfahrgäste im Halbjahresvergleich zum fünften Mal in Folge gestiegen. Auch für 2020 gab es schon den ersten Anstieg der Fahrgastzahlen. Mit der Senkung der Mehrwertsteuer auf Fernverkehr-Tickets zum Jahresbeginn, ist die Zahl der Zugreisenden im Januar 2020, im Vergleich zum Vorjahr, um 1,1 Millionen Reisende angestiegen. Dies entspricht einem Wachstum von 10,7 %. Hinzu kommt, dass die Fahrgastzahlen von Konkurrenzunternehmen wie Flixtrain ebenfalls ansteigen. 

Allgemein kann also eine steigende Nachfrage für Fernverkehrsstrecken nachgewiesen werden. Allerdings ist trotz der positiven Entwicklung im Bahnverkehr, der Zug nach wie vor nicht das beliebteste Verkehrsmittel für Urlaubsreisende. Flugzeug und Auto sind laut den Ergebnissen einer NIT-Studie die häufigere Wahl. Bei Urlaubsreisen ab fünf Tagen entscheiden sich 86 % der Reisenden für eine der beiden Optionen und nur 5 % wählen den Zug. Bei Kurzurlaubsreisen entscheiden sich die meisten Urlauber für das eigene Auto anstatt für den Zug oder den Flug. Durch die konstante Senkung der Flugpreise und dem hohen Maß an Flexibilität und Verlässlichkeit bei Reisen mit dem eigenen Auto, entsprechen beide Verkehrsmittel eher den Erwartungen der Reisenden als der Zug. Um den Zug dem Flugzeug oder dem Auto vorzuziehen, erwarten Reisende niedrige Preise, direkte Verbindungen, Pünktlichkeit und eine kurze Reisedauer.

Trotz des wachsenden ökologischen Bewusstseins scheint der Zugstolz in Deutschland noch kein fester Bestandteil der deutschen Reisementalität zu sein. Es bleibt abzuwarten, ob die Senkung der Mehrwertsteuer auf Fernverkehr-Tickets auch einen langfristigen Effekt auf die Verkehrsmittelwahl der Reisenden hat.

 

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